“Ayurveda ist ein Lebensstil, keine Therapie. ”
Doshas balancieren mit Doktor Gunaga
Zugegeben: Ich unterschätzte Doktor Amruta Gunaga ein klein wenig, als ich ihr zum ersten Mal begegnete. Während der Eintrittsbesprechung am ersten Abend stand sie schweigend neben der Chefärztin. Sie hörte aufmerksam zu, wie Doktor Vani unser momentanes Befinden ausgiebig erkundete. Sie beobachtete still, wie sie mehrere Minuten lang mit geschlossenen Augen die Signale ertastete, die in den Tiefen des Pulsschlags zu lesen sind. Und ihr Lächeln wirkte fast scheu, als Doktor Vani uns mitteilte, dass die junge Ärztin uns fortan betreuen werde.
Am nächsten Morgen um sieben Uhr dreissig klopft Amruta Gunaga mit einer Mixtur zum Gurgeln an unsere Tür. Und jetzt hat sie den Taktstock fest in der Hand: Sie erklärt uns den Tagesablauf klar und bestimmt und mit einer Herzlichkeit, die mir das Gefühl gibt, hier gut aufgehoben zu sein.
Was immer in den folgenden neun Tagen geschieht: Die kaum ein Meter sechzig grosse, zierliche Frau zieht die Fäden: Sie checkt jeden Morgen Blutdruck und Gewicht. Sie gibt dem Masseur vor jeder Behandlung genaue Anweisungen. Sie sorgt dafür, dass der Koch die richtigen Mahlzeiten zubereitet. Sie leitet die Yoga-Stunde am Nachmittag. Und abends um neun Uhr steht sie, immer noch warm lächelnd da, um uns nach der Fussmassage eine gute Nacht zu wünschen.
«Die langen Tage sind kein Problem für mich. Das ist in Indien normal,» sagt Amruta Gunaga. «Während der Saison wohne ich hier im Haus. Da es weit weg von allem liegt, kann ich meine Familie in der Regel nur einmal alle zwei Monate sehen und auch meine Freunde eher selten.» Gibt ihr diese totale Einbindung nicht das Gefühl, eingesperrt zu sein? «Nein, gar nicht», antwortet die 25Jährige. »Ich bin gern allein und ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich diese Stelle habe. Ich habe viel Freiraum zur Gestaltung hier und Doktor Vani unterstützt mich bei allem sehr. Zudem gibt es immer wieder Phasen, wo ich in unserer Klinik arbeiten kann. Die ist in der Stadt Udupi, und ich habe da ein Zimmer gemietet.»
Fünfeinhalb Jahre hat Amruta Gunaga Ayurveda-Medizin studiert. Viele ihrer Kommilitoninnen müssen sich nach dem Studium von Job zu Job hangeln, erzählt Gunaga. Der Konkurrenzkampf sei enorm und das Angebot an qualifizierten Ayurveda-Ärzten im Süden Indiens übersteigt die Nachfrage bei weitem. Für die Frauen bedeutet der Verlust einer Stelle oft, dass sie dann von ihrer Familie zur Heirat gedrängt werden. Amruta Gunaga ist dankbar, dass ihr diese Gefahr nicht droht: «Meine Eltern sind zum Glück sehr liberal. Sie unterstützen mich bei allem und akzeptieren auch, dass ich es nicht eilig habe zu heiraten.»
Im Elternhaus liegt auch der Ursprung für ihre Berufswahl. Gunaga wuchs ganz ohne allopathische Medizin auf, ihre Eltern setzten auf Homöopathie und Naturmedizin. «Der Schritt zu Ayurveda war für mich naheliegend», erklärt Gunaga. «Es ist eine sehr umfassende Methode. Keine medizinische Behandlung, sondern ein Lebensstil», sagt sie mit Überzeugung. Eigentlich sei es einfach: Die Patienten erfahren während des Aufenthalts, was sie tun und was sie lassen sollten, damit es ihnen gut geht. Sie könnten dann selber entscheiden, ob sie sich daran halten wollen oder nicht. «Ich möchte die Menschen dabei unterstützen, ihre Doshas auszubalancieren, ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Das scheint mir in dieser Zeit nötiger denn je. Wenn ich etwas dazu beitragen kann, dann macht mich das sehr zufrieden.”
Die junge Ärztin will noch zwei, drei Jahre im Balkatmane Resort ihre Sporen abverdienen. Danach möchte sie einen eigenen Weg finden, der ihr mehr Zeit schenkt für ihr private Leidenschaft: der klassische südindische Tanz.
Ayurveda ist das traditionelle, über 3.000 Jahre alte indische Gesundheitssystem, das auf ein langes, gesundes Leben in geistiger und körperlicher Balance abzielt. Übersetzt bedeutet es „das Wissen vom Leben“.
Das Konzept lässt sich in drei Kernpunkten zusammenfassen:
Die 5 Elemente: Alles im Universum und auch wir Menschen bestehen aus den Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum.
Die 3 Doshas (Bioenergien): Aus diesen Elementen formen sich drei Lebenskräfte namens Vata, Pitta und Kapha. Jeder Mensch wird mit einer ganz individuellen Mischung dieser Doshas geboren.
Das Gleichgewicht: Krankheit entsteht laut Ayurveda, wenn diese Bioenergien durch falsche Ernährung, Stress oder den Lebensstil aus dem Gleichgewicht geraten.
Ayurveda nutzt individuelle Ernährung, Kräuter, Yoga und Massagen, um die körpereigene Balance zu bewahren oder wiederherzustellen.